Fachkräfte

Veröffentlicht auf 6. September 2010

Wenn man den Gerüchten so glauben darf, geht es ja wieder bergauf mit der Wirtschaft. Man hört auch immer wieder, dass Firmen händeringend nach Fachpersonal suchen, aber viele Stellen nicht besetzen können.

Andererseits werden auch in der Software Qualitätssicherung von verschiedenen Firmen Stellen ausgeschrieben, die an Absurdität kaum zu überbieten sein dürften.
Man sucht junge, qualifizierte, meist studierte, flexible und reisebereite Fachkräfte mit jahrelanger Erfahrung auf dem jeweiligen Gebiet, die Kenntnisse im Anforderungsmanagement, mit Reviews, Qualitätssicherung im allgemeinen, Projektmanagement, dem Testmanagement und Test selbst, den entsprechenden Tools und vielleicht auch noch Entwicklerkenntnisse haben. Zertifizierungen für Tools, Software und die geforderten Kenntnisse sind wünschenswert, wenn nicht sogar unabdingbar. Ideal wäre es natürlich, wenn sie die Software bereits kennen würden.
Geboten wird einem eine kreative Arbeit mit vielen abwechslungsreichen Aspekten, an einem Ort an dem es viel neues zu entdecken gibt und stets eine gute Arbeitsatmosphäre herrscht.
Das erste Angebot liegt dann bei glatt 50 Euro pro Stunde für die zu erbringende Arbeitsleistung.

Oder anders ausgedrückt. Die Firmen suchen die eierlegende Wollmilchsau, die ganz Deutschland bereist, für jedes Problem eine Lösung anbieten kann und 50 Stunden Netto die Woche (zuzüglich Vor- und Nachbereitungen, Verwaltung, Reisezeit etc.) arbeitet für einen Apfel und ein Ei.

Natürlich lässt sich die Stelle besetzen, vielleicht nicht mit all den beschriebenen Anforderungen, aber irgendjemand braucht immer gerade das Geld und kann vielleicht auch bei den Reise-, Unterbringungs- und Unterhaltskosten sparen, weil er vielleicht aus der Umgebung kommt.
Aber im Normalfall ist es für die Fachkraft fast schon ein Verlustgeschäft, wenn man alle aufkommenden Kosten zusammenrechnet. Man hat jahrelang studiert und Erfahrung gesammelt, jede Woche die Familie daheim zurückgelassen und geht praktisch für unter 10 Euro die Stunde netto arbeiten.
Am Ende wundern sich dann die Firmen, dass die Fachkraft nur wenige Monate bleibt und sich sogleich für ein anderes Projekt mit etwas besseren Bedingungen entschieden hat und erneut werden unzählige Jobvermittler für viel Geld beauftragt doch jemand passendes zu finden.

Die einzigen die an der Arbeit noch verdienen sind meistens die Jobvermittler, die um die 15 Prozent des ursprünglichen Stundenlohnes einbehalten für die erfolgreiche Vermittlung, und selbst hier ist der Wettbewerb inzwischen knochenhart. Ich weiß von erfolgreichen Vermittlungen, bei denen für solche Zahlungen am Ende knapp 40 Prozent des Stundenlohnes abgezogen wurden, je nachdem wie viele Vermittlerfirmen eben beteiligt sind.

Als mein persönliches Fazit bleibt, dass der Aufschwung noch nicht wirklich bei den Arbeitskräften angekommen ist und sich andere erst mal eine goldenen Nase zu verdienen versuchen. Irgendwann werden aber auch sie merken müssen, dass qualifizierte Arbeitskräfte Geld kosten und nicht wie Sand am Meer vorkommen. Für einen Apfel und ein Ei kann man eben auch nur gleich geringwertige Arbeit bekommen.

Geschrieben von Robert Bullinger

Veröffentlicht in #Expertise

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